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AUS DEN STADTTEILEN
Bundestagswahl im Stimmbezirk Kämpenschule
SPD-Absturz beim Auszählen erahnbar

Text und Fotos (6): Walter Budziak, 25.9.2017

Als "rein verwaltungstechnisches Konstrukt", aus den zuletzt noch eigenständigen Herbeder Stadtteilen Buchholz und Kämpen 1975 zu einem "statistischen Bezirk" zusammengelegt, beschreibt Wikipedia Buchholz-Kämpen. Nicht der einzige Grund, den Ablauf und die Ergebnisse der Bundestagswahl 2017 im Stimmbezirk 8402 in der Kämpenschule genauer zu betrachten. Seit Jahren wirbelt eine Bürgerinitiative "Sicheres Kämpen" in dem abgelegenen Ortsteil zwischen Vormholz und Hammertal reichlich politischen Staub auf.

Eigenständigkeit hat die Geschichte wohl beiden Ortsteilen ins Stammbuch geschrieben. Aus einer verstreuten Ansiedlung von Kleinzechen entstanden, wird ein Ortsteil Kämpen laut Wikipedia "offiziell erst am 8. Juli 1926 im Protokollbuch der ein Jahr zuvor gegründeten Gemeinde Herbede erwähnt". Auch Buchholz musste sich in den letzten Jahrhunderten immer wieder neu einrichten, wurde zwischen Haus Kemnade, Blankenstein, Stiepel, Hattingen, Herbede und schließlich 1975 Witten herumgeschubst. Die Ortseingangsschilder, auf denen sich beide Herbeder Ortsteile bis vor einem Jahr noch trotzig als Wittener Stadtteile bezeichneten, wurden abmontiert und gleichlautend durch "Witten Stadtteil Herbede" ersetzt.

Beiname "Hammertal" kündet von Industriegeschichte

Gleichwohl schrieben beide Ortsteile traditionell SPD auf ihre politischen Fahnen. In Buchholz schwitzten außer in den Kleinzechen während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert die Arbeiter auch in einigen Hammerwerken und mehreren Steinbrüchen. Buchholz galt als die Hammerschmiede in der Region. Der Beiname "Hammertal" für den geografischen Trichter zwischen Blankenstein und Kämpen kündet von dieser Industriegeschichte, wie Wikipedia mit Hinweis auf neuere wissenschaftliche Literatur ausführt (Wikipedia, Buchholz-Kämpen).

"Schon wieder ein Doktor", teilt Birgit Gottschlich den anderen Wahlhelfern mit, wenn sie wieder einen Haken hinter einen Namen in der Wählerliste macht, nachdem ein Wähler den Wahlraum 8402 im unteren Foyer der Kämpenschule wieder verlassen hat. Die Häufigkeit der akademischen Titel lässt mutmaßen, Bergleute und Hammerschmiede verdienen in Kämpen nicht mehr ihre Brötchen. Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen entlang gepflasterter Wohnstraßen prägen den Ortsteil heute. Und so viele Akademiker hat die 53-jährige städtische Beamtin bei ihren bisherigen Wahlhelfereinsätzen noch nie zur Stimmabgabe kommen sehen.

Wählen stolz als Handlung zelebriert

Besonders gut kann sich die Bommeranerin an ihren Einsatz als Wahlhelferin erinnern, als Wahlräume noch Wahllokale hießen, weil die Wahlurnen in echten Kneipen standen. In der "Engelsburg" an der Röhrchenstraße habe sie eine "ganz andere Stimmung als heute" erlebt, damals kurz nach ihrer Ausbildung 1982. Wählen wurde "stolz als Handlung" zelebriert und beim anschließenden Frühschoppen an Theken und Stammtischen diskutiert. Die Wahlhelfer bekamen ein warmes Mittagessen und nachmittags versorgten Parteimitglieder sie mit Kaffee und Kuchen, denkt Gottschlich fast etwas wehmütig zurück. Sie habe "die ganze Nacht vorher nicht geschlafen vor lauter Aufregung", lacht sie.

Wie Birgit Gottschlich ihr wahlbürgerliches Ehrenamt immer mit ihrem Ehemann Klaus (57) teilt, bringt Wahlvorsteherin Gabriele Schramowski (57) schon "zum vierten oder fünften Mal" ihre Tochter Eva (24) mit zum Wahlzettelausteilen und Stimmenzählen. Beide sehen sich in der Bürgerpflicht und im "Dienst an der Demokratie, an dem man sich beteiligt", wissen aber auch die kleine Aufwandsentschädigung von 40 Euro zu schätzen, die ihnen das "neben dem Spaß an der Freude" einbringt.

Geschenktes "Katzengold"

Wahlgeschenke werden zwischendurch sogar auch wieder verteilt. Kaffee und Kuchen hat Axel Nolte (63) nicht in der Tasche, aber er will den Ehrenamtlichen mit Ammoniten eine Freude machen, die er auf einem Markt in Herbede erstanden hat, wie er sagt. Weil nicht alle Wahlhelfer einen abbekommen, hat er noch einen Pyrit in Reserve, bei Bergleuten auch als "Katzengold" bekannt, erläutert er aufmunternd.

Schon beim Auszählen der Wählerstimmen wird erahnbar, die einstige Hochburg der SPD ist bei den Urnenwählern in sich zusammengefallen. Vielen Erststimmen für den SPD-Kandidaten Ralf Kapschack stehen abweichende Zweitstimmen entgegen, oft für FDP oder AfD. Wie sich später zeigt, trifft die Erosion die SPD in Kämpen noch einschneidender als in Buchholz. Gaben bei der Landtagswahl 2012 noch 46,9 Prozent der Wähler in der Kämpenschule ihre Zweitstimme den Sozialdemokraten, fiel dieser Wert im Mai bei der Landtagswahl 2017 schon auf 33,4 Prozent. Um bei der gestrigen Bundestagswahl auf 26,8 Prozent dahinzuschmelzen.

Allerdings ergeben Vergleiche der in Kämpen abgegebenen Stimmen mit früheren Wahlen nur unscharfe Abstimmbilder. Die Stimmbezirksgrößen wurden zwischenzeitlich geändert. Statistisch sauber ist dagegen ein Vergleich der Bundestagswahlergebnisse im gleichgebliebenen Kommunalwahlbezirk Buchholz/Kämpen. Der Abschmelztrend bei SPD und CDU wird aber auch damit deutlich (siehe Infografik).

Verkehrssituation "manchmal gefährlich"

Angesprochen auf die Bürgerinitiative "Sicheres Kämpen", die ihrer Internetpräsenz nach einen verbreiteten Missmut artikuliert und als Ausdruck für eine generelle Abkehr von jeglicher SPD-Politik in Frage käme, antworten nur Christiane (45) und Andreas (46) Dieck. Besonders als der Verkehr während des Zeltfestivals oder wegen einer Brückensperrung von der A 43 Richtung Münster über Herbede umgeleitet wurde, sei "die Verkehrssituation manchmal gefährlich gewesen", sagen die Eltern eines neunjährigen Jungen und elfjährigen Mädchens, die am Rehnocken wohnen.

"Bürgerinitiative 'Sicheres Kämpen' - Unser Zuhause, unsere Heimat, unser 'WIR' WIRd immer mehr, WIRd immer größer, WIRd immer lauter und WIRd immer wütender", verhieß eine inzwischen stillgelegte Internetseite www.bi-sicheres-kaempen.de noch im April 2016 ihren "3 500 treuen Lesern und Unterstützern". Luftaufnahmen wurden gezeigt, durchfahrende Lkw und Pkw wurden gezählt, Geschwindigkeiten wurden gemessen, Radarkontrollen eingefordert. Angeprangert wurden Fahrer, die Rüsbergstraße, Brandholzweg und Heinrich-Heine-Straße besonders morgens und abends im Berufsverkehr, "geltende Verkehrsregeln missachtend", als "Schleichweg" benutzten.

6 037 Besucher verzeichnete die Seite seit September 2014. "Was ist los mit der SPD? Was ist los mit den Bürgern? Macht denn keiner mal die Augen auf und schaltet das Hirn ein?", wurden sie gefragt.

"Bürgerinitiative einer einzelnen Person"

Auch wenn es ihm "bis in die letzte Phase seines Körpers" widerstrebe, beantwortete der Betreiber der Internetseite per Mail eine Bitte um eine Stellungnahme, wollte aber "erst einmal anonym bleiben". Er sei "in der Vergangenheit bei der Stadt einigen Leuten gehörig auf den Schlips getreten". Sein Versteckspiel begründete er mit "gemachten Erfahrungen gepaart mit einer Prise Paranoia". Gleichwohl sei er zu einem Treffen bereit, wie er sagte. "An einer Analyse der Wahlergebnisse in Kämpen (im Zusammenhang mit der nicht stattfindenden Politik in Kämpen)", werde noch gearbeitet, so der Anonymus damals.

200 Unterschriften gegen Durchgangsverkehr

Als "vollkommen überzogen" bezeichnete Ratsmitglied Martin Kuhn, für Kämpen zuständig, Verkehrsexperte und stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion, die Anliegen der "Bürgerinitiative", die "aus einer einzelnen Person" bestehe. Zwischenzeitlich hätten sich "dem alleinigen Betreiber" drei weitere Anwohner der Rüsbergstraße angeschlossen. Dem Stadtrat liege auch eine Liste mit etwa 200 Unterschriften von Kämpenern vor, die sich gegen einen Durchgangsverkehr aussprachen. Der Verkehrsausschuss habe die verkehrlichen Verhältnisse in Kämpen bereits besprochen. Nachdem die Anwohner Durchfahrverbotsschilder aufstellen ließen, würden der Verwaltung "in den nächsten Tagen" weitere Maßnahmen "vorgestellt", um den Verkehr "durch versetztes Parken weiter zu verlangsamen", so Kuhn.

Wahlergebnis "entsetzlich für alle demokratischen Parteien"

Weil die Person hinter der "Bürgerinitiative" die Stadt mehrfach über unterschiedliche Email-Adressen kontaktiert habe, werde er demnächst gerichtlich gegen ihn vorgehen, sagte Kuhn und fügte zum Ergebnis der Wahl hinzu: "Entsetzlich für alle demokratischen Parteien." In einem Stimmbezirk mit vielen Eigenheimen würde anders gewählt als in einem Innenstadtviertel, versuchte er das schlechte Abschneiden der SPD vage zu erklären.

Zusätzlich zur Internetseite hatte der unbekannte Betreiber inzwischen noch einen Blog eingerichtet. Auch hier stand im Impressum lediglich eine Handynummer und ein Kontaktformular.


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